12. September 2005 18:55
Zur Diskussion über “Zweiklassenmedizin”
Es ist eine unselige Tradition in Deutschland, dem Land, das im Unterschied zu anderen Staaten ohne geglückte Revolution in der Moderne angekommen ist, sondern sowohl 1870/71, 1918 und 1945 und 1990 ( in der ehemaligen DDR) jeweils eine neue Verfassung von oben vorgesetzt bekommen hat, dass der Protest gegen das, was von oben verordnet wird, nur in geringem Maße stattfindet. Weit verbreitet ist eine lethargische Haltung des Nörgelns und der Unzufriedenheit, die kaum ein gutes Haar an irgendetwas läßt (weder an vielen Erscheinungsformen humanitären Engagements und schon gar nicht an Erscheinungsformen des politischen Widerstandes oder freier Meinungsäußerung) und äußerst selten in konkretes Handeln mündet:
Was gesetzliche Krankenkassen an Leistungen übernehmen, ist Teil der deutschen politischen Verfasstheit. Wenn ein Volk eine neue politische Verfassung will, muss dies in mühsamen kleinen Schritten mehrheitsreif und durchsetzbar gemacht werden. Wieviele Proteste gab es gegen die Leistungskürzungen der letzten Jahre ? - so gut wie keine! Wenn statt selbstbewußtem Engagement zum Protest Resignation sich verbreitet - was z.B. auch die zunehmend gesunkene Wahlbeteiligung zeigt oder aber wenn die gleichen Politiker wiedergewählt werden, die ihre Inkompetenz schon öffentlich unter Beweis gestellt haben, wird sich nichts ändern.
Dieser mangelnden Sensibilität für die äußeren Verhältnisse entspricht aber auch ein fehlendes Gespür für das, was der eigenen Persönlichkeit gut tut: Jeder Mensch hat eigentlich diesen “inneren Arzt”, die “innere Stimme” oder einen “inneren Kompass” als Wegweiser für die eigene Weiterentwicklung. Die meisten Menschen haben jedoch verlernt, diese Stimme wahrzunehmen und zu berücksichtigen: Wenn beim Energietest in der “Psychosomatischen Energetik” nach Dr. Banis die Kausalebene gemessen wird, sind Durchschnittswerte von 40 % zu messen, d. h. nur 40 % des intuitiven Potentials vorhanden.
Ein Extremfall ist der mitunter anzutreffende Patient, der chronisch krank ist und dem keiner so recht helfen konnte, aber der Patient meint, ganz genau zu wissen, warum es ihm so schlecht ginge, weil nämlich der oder jener Therapeut dies oder jenes nicht so gemacht hätte wie es gemacht hätte werden sollen, und deswegen sei alles noch schlimmer geworden. Aber wenn jetzt dies oder jenes gemacht würde, dann würde es ganz bestimmt bergauf gehen ...Auf diese Patienten gemünzt hat Erich Rauch einmal bemerkt: “Sehr oft stimmen Arzt und Therapie, nur die Einstellungen und Selbstbeeinflussungen des Patienten sind falsch.” (E. Rauch: Autosuggestion und Heilung, S. 60). Dies sind Patienten, die Ihren inneren Kompass völlig verloren haben, aber dennoch glauben, den richtigen Kurs zu kennen. Für diese gilt, was Pir Vilayat Inayat Khan formuliert hat:
“Kontemplative Menschen aller Zeiten haben gefunden, dass es ihr eigener Verstand war, der ihrer Erkenntnis im Wege stand.”
( Natur +Heilen 11/2001 S. 11).
Diesen inneren Arzt zu entdecken ist aber etwas, das von keinem Therapeuten als medizinische Leistung eingefordert werden kann, weil dazu einzig das eigene Bemühen des Patienten notwendig ist. Es macht zwar Arbeit, ist aber unabhängig von dem was eine Krankenkasse erstattet und macht unabhängig von äußeren Experten oder sich als berufen gebende Institutionen und ist wesentlich, um gesund bleiben zu können.
Nur weil ein Mensch zu lange die innere Stimme ignoriert hat, kann es zu der Situation kommen, dass ein Symptom im Körperlichen auftaucht, um an einen überfälligen und jetzt anstehenden Lernprozess zu erinnern. Gerade bei Krebspatienten kommt dies häufig vor, dass scheinbar lange Zeit ein Zustand befriedigender Gesundheit ohne Krankheitssymptome vorhanden ist und dann “urplötzlich” eine Krebserkrankung diagnostiziert wird. Alexander Rossaint schrieb dazu:
„Denn hinter jedem Tumor steht ja noch der Tumorträger, das heißt der ganze Mensch, der nun einmal nicht zufällig an Krebs erkrankt ist (Gesetz von Inhalt und Form). Es wäre zu einfach, wenn der Patient durch ärztliche Maßnahmen allein “geheilt\" werden würde. Schließlich ist Krebs, wie alle anderen Krankheiten, nur ein Symptom, wenn auch eines der massivsten, das den Menschen auf das aufmerksam machen will, was mit ihm nicht in Ordnung ist (S. Kapitel 7). Nach Dethlefsen entspricht der Bedeutung des Symptoms Krebs die Bedeutung dessen, was ein Mensch im Bewusstsein nicht gelebt hat, nämlich: die Liebe. Krebs zeigt - so sagt Dethlefsen -, dass der Betroffene die Liebe missverstanden hat und sie daher in die Körperlichkeit “fallen\" musste, als “pervertierte Liebe" bzw. als “Liebe auf der falschen Ebene" (Dethlefsen 1983).
Bis der Krebspatient das Prinzip Liebe integriert hat, muss er also mehr tun, als sich nur ärztlicherseits vom Tumor befreien lassen, nämlich sich selbst ändern, indem er sich öffnet und im Bewusstsein genau das macht, was ihm die Krebszelle im Körper vormacht: “Alle Grenzen und Schranken" überwinden, das Ego hintanstellen, sich auf alles ausdehnen und vor nichts Halt machen, um sich zu verströmen und letzten Endes eins zu werden mit allem. Das kann er nur durch richtig verstandene, bedingungslose Liebe, und lieben tut der Mensch mit dem Herzen, dem einzigen Organ, das “zufälligerweise" vom Krebs nicht befallen wird (Dethlefsen).” (aus: Alexander L. Rossaint: Medizinische Kinesiologie, Physio-Energetik und Ganzheitliche (Zahn-) Heilkunde, Kirchzarten 2005, S. 104 ff)
Der Patient hofft eigentlich bei jedem Arztbesuch, dass keine gravierende Erkrankung festgestellt wird sondern nur eine leichte Verstimmung seiner Gesundheit. Krankheit würde bedeuten, dass Konsequenzen zu ziehen sind, und eigentlich will der Patient so weitermachen wie bisher. Darauf verweist auch Bodo Köhler:
“Die Praxiserfahrung sieht aber leider so aus, dass die allerwenigsten Patienten bereit sind, über die Entstehung und die Ursachen ihrer schweren Erkrankung nachzudenken, geschweige denn die Ursache in falschen Verhaltensmustern zu suchen. Falls aber doch, so gelingt es den wenigsten, etwas daran zu ändern.” (Bodo Köhler, Das praktische Arbeitsbuch der BIT, Sulzbach 1997, S. 64)
Nach der Bhagavad Gita, dem heiligen Buch des Hinduismus, gehören die meisten Menschen zum Typ des “trägen (tamasischen) Menschen”, genauso wie die moderne Managementwissenschaft davon ausgeht, dass die meisten Menschen nur reaktiv sind ( vgl. David Lewis: Ab heute hab’ ich immer Zeit, Berlin 1997). Diese Typisierung ist etwas, das durchgängig bei jedem Charaktertyp vorhanden ist, weil sie letztlich erst im Prozess der Persönlichkeitsbildung gewandelt werden kann und soll. Jedes Kind ist “träge” und muss durch den Erziehungsprozess dahin geführt werden, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, “rajasanisch” zu werden, um dann den “sattvischen” Zustand der Ausgeglichenheit zu erreichen. Erst nach Durchleben dieser beiden Pole kann die “Mitte” gefunden werden , von der Buddha in der Predigt von Benares sagt: “Der Erleuchtete sucht sein Heil nicht in der Selbstkasteiung, noch sucht er ein Leben in Überfluss sowie der Selbstverwöhnung. Der Erleuchtete hat den mittleren Weg gefunden.”
Mit äußerster (heute schwer praktizierbarer) Konsequenz hat Sokrates dazu aufgefordert, erst dann den Patienten zu therapieren, wenn er bereit sein, die Ursachen, die zu seiner Krankheit geführt haben, zu vermeiden.
In der Konsumgesellschaft, die sich in der westlichen Welt nach dem 2. Weltkrieg entwickelt hat, geschah jedoch das genaue Gegenteil: Auch die Gesundheit wurde an die Experten delegiert und der Mensch / Patient von seiner Selbstverantwortung freigesprochen. Dieser Prozeß bedeutet aber ein Fügbarmachen der Individuen und ist diametral dem theoretischen Anspruch der Aufklärung und Emanzipation entgegengesetzt, ja grundsätzlich jeglicher philosophischer Ansätze wie sie z. B. im Altertum von Pindar formuliert wurde: “Entwickle dich zu dem einmaligen, unverwechselbaren, unaustauschbaren Menschen, der in dir angelegt ist.“
Dies findet auch seinen Ausdruck darin, dass Suchtverhalten zwar in Sonntagsreden geächtet wird, jedoch tief in der politischen und sozialen Realität verankert ist, als gewinnbringendes Intrument für die Verkäuferseite, als individuelle Flucht aus einer als persönlich empfundenen Misere für die Käufer. Alle Drogen sind für Individuen wie für die Gesellschaft nur eine Ablenkung von dem eigentlichen Ziel einer Höherentwicklung der individuellen wie sozialen Persönlichkeit.
Wer jedoch wirklich nach Pindars Maxime zu leben wagt, merkt an den Reaktionen der anderen, die diesen Weg nicht gehen, wie er als schwarzes Schaf aus der Herde ausschert und unvermeidliche Konflikte entstehen, die der Individation zwar sehr hilfreich zu sein vermögen, jedoch auch dazu führen können, dass eine Rückwärtsbewegung zu den Konventionen der Gesellschaft einsetzt, wie man bei dem klassischen Bild des jugendlichen Rebells und später angepaßten “reuigen” Konformisten / Spießers sehen kann. Unter entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen duckt sich die Mehrheit , um nicht dem Champignonprinzip zum Opfer zu fallen (“Wer den Kopf höher hebt als die Anderen, wird um einen Kopf kürzer gemacht.”)
Die häufig gehörte Vorstellung, wir müssten uns “bescheiden”, uns einfügen in vorgegebene Verhältnisse und angebliche “Sachzwänge”, ja sogar zurückfinden zu “bescheideneren Verhältnissen” ist abwegig und Ausdruck der dominanten gesellschaftlichen Kräfte, die nicht in Frage gestellt werden sondern das Bestehende zu ihren Gunsten fortschreiben wollen. Dazu gehört auch das Gesundheitssystem , das m. E. schon lange diesen Namen nicht mehr verdient, weil es diejenigen, die ihm vertrauen, im Namen des Profits in die chronische Krankheit abrutschen läßt (vgl. Kurt G. Blüchel: Heilen verboten - Töten erlaubt, München 2003) und nach allen Regeln des Marketing abhängig von chemischen Mitteln zu machen versucht. Solange nicht eine Mehrheit der Bevölkerung im Handeln und im Wort deutlich macht, dass dieses System durchschaut ist und abgelehnt wird, sind keine relevanten gesellschaftlich-medizinisch-sozialen Veränderungen zugunsten einer naturgemäßen Heilkunde zu erwarten.
Ebenso wie Milieustörungen die wahre Konstitution des Individuums verdenken, wie Thomas Rau es formuliert hat, verdecken Fehlverhalten, geistige Störungen / kollektive Wahrnehmungsstörungen das, was der Mensch als Individuum, als biologische Gattung, als soziales Wesen von seinem Genotyp her sein könnte.
Zu dem Ausweg aus dieser Deformation gehört auch der Protest als Lebenswillensmanifestation, nicht aus privater Verbitterung, sondern als lebensbejahender Widerstand und zukunftsweisendes politisches Engagement.
So könnten die zynischen, weil seit Jahrzehnten erfolglosen Phrasen von immer besserer Gesundheit und besserem Leben umgekehrt werden in ein Bekenntnis zu einer humanen Vision der Menschenwürde, indem eine realistische Skepsis sich verbindet mit einer Hoffnung, die die Macht des menschlichen Geistes über die Gewalt beweist. Denn auch einfache Menschen sind fähig, große Veränderungen zu bewirken, wie mir zuletzt wieder die Lektüre des Buches von Frances und Anna Lappé: Hoffnungsträger - Ein internationaler Reiseführer zu grünen Initiativen ( München 2001 ) bewiesen hat.
Je mehr Menschen daran arbeiten, diesen Weg der Selbstbestimmung zu finden und beharrlich im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit ihres inneren Kompass’ auch bei Rückschlägen zu gehen, um so eher wird das Geschichte sein, was Jura Soyfer in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts im “Lied des einfachen Menschen” formulierte:
“Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
oder werden’s eines Tages sein,
wenn wir gründlich von all dem genesen
(...) Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
des Menschen den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen - wartet noch damit !”
aus: Horst Jarka (Hrsg.) J. Soyfer, Das Gesamtwerk., Lyrik, Wien 1984, S. 209