„Informations-Netzwerk Homöopathie“ – ein Etikettenschwindel

Ein Leserbrief  an die Redaktion  der Zeitschrift „Publik Forum“

Vor über 30 Jahren habe ich Publik Forum kennengelernt und seitdem als Forum einer Gegenöffentlichkeit zu religiösen und gesellschaftlichen Fragen aus der Perspektive einer „Kirche von unten“ als wichtig erachtet. Seit einigen Jahren empfinde ich manche Beiträge selbst ausgebreitet auf mehreren Seiten als verhältnismäßig wenig in die Tiefe gehend und eher als als Einstiegs- oder Lückentexte.
Als solchen begreife ich auch das Interview mit dem HNO-Arzt Wolfgang Vahle mit dem Titel „Heilen mit Globuli?“ (PF Nr. 4/2016, S. 9)

Als Therapeut arbeite ich seit über 25 Jahren u.a. auch mit Homöopathie und kenne die ausufernden Diskussionen, die sich immer wieder zwischen Befürwortern und Gegnern ergeben. Kennzeichnend für die Debatte ist eine grundsätzlich konträre Auffassung von Medizin in vielerlei Hinsicht.

Die Kritiker der Homöopathie ignorieren systematisch, dass Homöopathie mehr darstellt als die Verabreichung von materiell nicht mehr greifbaren Hochpotenzen in der Pose des Abwartens „mit verschränkten Armen“. Wenn Herr Vahle es für gefährlich hält, dass Kinder lernen „Bei jedem Wehwechchen gibt es ein Kügelchen“ möchte ich dagegenhalten, dass es ungemein existenziell tröstend sein kann, zu erfahren und dann zu wissen dass es Alternativen z.B. zur obligatorischen Antibiotikagabe bei Mittelohrentzündung gibt.

Homöopathie als Pseudomedizin für Bagatellfälle zu definieren hat nichts mit den Mitteln zu tun, die im Laufe der homöopathischen Tradition entstanden sind, die eine echte Regeneration und Rückbildung pathologischer Symptome bewirken können, statt nur mit Anti-Mitteln Symptome zu unterdrücken.
Von daher wünsche ich mir, dass die Redaktion künftig auf derlei undifferenzierte Fülltexte verzichtet, die letzlich nur Werbung für die irreführenderweise „Informations-Netzwerk Homöopathie“ genannte Initiative darstellen. Wäre es nicht ein Etikettenschwindel weniger gewesen, das Netzwerk als „Informations-Netzwerk gegen Homöopathie“ zu firmieren?

Der Umgang mit sog. „Ketzern“, der in der „christlich-jüdischen Kultur“ stattfand, war alles andere als ein Musterbeispiel an Toleranz. Gerade die Tradition der heilkräutersammelnden „weisen Frauen“ wurde von akademischen Ärzten im Verein mit dem klerikalen Machtapparat der Kirche zu Beginn des 2. Jahrtausends im Zeichen der Kreuzzüge bekämpft, solange bis im 14. Jahrhundert die Kirche erklärte, dass „eine Frau, die wagt zu heilen, ohne studiert zu haben, eine Hexe ist und sterben muss“ (vgl. T. Szasz, Die Fabrikation des Wahnsinns, Frankfurt, Fischer Verlag 1976).

Es gibt keinen Grund, zu Beginn des 3.  Jahrtausends den Kreuzzugsgedanken wiederzubeleben und die Diversität der Therapieverfahren einzuschränken. Eine Gesellschaft, zu deren angeblich zentralen Werten „Freiheit“ und „Gleichheit“ gehören sollen, braucht auch die Freiheit der Therapie und die Gleichberechtigung der Therapiemethoden.